Die Neue Softwaregestaltung

Dieter Rams’ »Zehn Thesen für gutes Design« und ihre Be­deu­tung für die Software­gestaltung

Von Martin Lexow ·
Das Buch »Die Neue Softwaregestaltung« von Martin Lexow

In meiner Masterthesis »Die Neue Softwaregestaltung« gehe ich der Frage nach, in wie weit die Rams’sche Philosophie bei den Herausforderungen, denen Schöpfer der heutigen Digitalität begegnen müssen, von Bedeutung sein kann. Daraus schlussfolgernd zeige ich Wege auf, die den neuen Software-Gestaltern als Lösungsanbote dienen sollen. Das folgende Essay gewährt einen Einblick in meine Ausarbeitungen sowie meiner Auseinandersetzung mit Dieter Rams sowie unserer digitalen Gegenwart selbst. Die Arbeit wurde von mir im August 2019 am Fachbereich Design der FH Potsdam eingereicht.

Meine vollständige Masterarbeit kann unter diesem Link heruntergeladen werden. Im Rahmen meiner Thesis entstand zudem eine App für iOS, anhand derer ich einige Ideen illustrierte und deren Quellcode ich unter einer MIT-Lizenz auf GitHub zur freien Verfügung veröffentlicht habe.

Vom Stand der Dinge

Die Digitalität gleicht einem Rausch. Sie hat unsere Lebenswirklichkeit im vergangenen Jahrzehnt vollständig durchdrungen. Miniaturisierte Computer sind zur ultimativen Prothese des Menschen avanciert. Was einst kühne Utopie von Science-Fiction-Autoren war ist heute Gegenwart: Nun sind Software-Kreateure die Autoren der Wirklichkeit. Sie werden durch die Verführung dieser neu entstandenen Intimität zwischen Programm und Mensch zu neuen Antworten herausgefordert. Ihre zunehmende Einflussnahme geht mit einer steigenden Verantwortung einher, der sie in der Praxis oft nicht gerecht werden.

Design produziert, um Menschen zu helfen, nicht um seine Schwächen auszunutzen Dieter Rams

Der zweifelhafte Umgang mit vertraulichen Nutzerdaten oder die Implementierung süchtig-machender Mechaniken in Apps dienen nicht dem Nutzer, sondern deklassieren ihn zur Beute. »Dark Pattern« versuchen sich in der gezielten Manipulation des Verwenders, um diesen zu Aktionen zu animieren, die nicht in seinem Sinne sind. Immersive Anwendungen und deren konsequent offerierten Reize nach neuen Erlebnispotentialen tragen zur Anonymisierung des öffentlichen Raumes bei, in dem der Einzelne von seiner Umwelt abgeschottet nur noch mit seinem technischen Gerät interagiert. Die Menschheit hat sich ein effektives Netz gesponnen, für dessen Funktionsweise die Mehrheit zu einem nur oberflächlichen Verständnis verdammt ist. Denn anders als bei analogen Geräten kann sich das Innere einer Software dem Gebraucher nicht offenbaren. Um Vertrauen und Sinnhaftigkeit im Zeitalter des Digitalozän etablieren zu können, braucht es nicht nur integre Schöpfer dieser noch jungen Digitalität, sondern auch einen gesellschaftlichen Konsens darüber, was Software sein darf und was uns diese wert ist.

Dieter Rams’ Thesen

Einen ähnlich tiefgreifenden Einfluss auf die Lebenswirklichkeit der breiten Masse erlebte das Industriedesign in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die Etablierung elektrifizierter Haushaltsgeräte. Einer der bedeutendsten Designer dieser Epoche heißt Dieter Rams. Mit seinen Zehn Thesen für gutes Design schuf er seiner Philosophie ein weithin angesehenes Manifest. Sein Karriereende 1997 fällt unmittelbar in die Zeit vor den Eintritt in die Ära der Digitalität. Das führt zur Frage, in wie weit Rams’ Werk für die neuen Software-Gestalter von konkreter Bedeutung sein kann.

Die Zehn Thesen für Gutes Design von Dieter Rams
Oszillierend zwischen Gebot und These

Ihr Ursprung liegt im Normativen: 1975 galten bei der Braun AG – einer von Rams’ Arbeitgebern – drei Regeln: Die Ordnungs-, Harmonie- sowie Wirtschaftlichkeitsregel. Zehn Jahre später präsentierte Dieter Rams seine heute bekannten Prinzipien, darunter »Gutes Design ist unaufdringlich«, »ehrlich« oder »langlebig«. Allen gemein ist ihre vage Formulierung, wodurch sie sich der Möglichkeit einer wissenschaftlichen Validierung entziehen. Auch ihr Kontext ist unscharf, denn: Sollen Lebensmittelverpackungen wirklich langlebig sein? Soll der sekündlich schwankende Werte verzeichnende Temperatursensor wirklich ehrlich sein? Wie kann der Kommunikationsdesigner seiner Arbeit gerecht werden und in seiner Gestaltung unaufdringlich bleiben?

Normen jeglicher Art [...] neigen [dazu], miss­ver­ständlich simpel zu sein Vilém Flusser

In Rams’ Sinne muss davon ausgegangen werden, die Entscheidung zur Unschärfe geschah bewusst. Und so ist jede Design-Disziplin selbst aufgefordert, ihren individuellen Nutzen aus Rams’ Werk zu ziehen. Deutung bedürfen dabei bereits die ersten beiden Worte »Gutes Design«. Wie Medienphilosoph Vilém Flusser treffend vergleicht, kann auch effektive Kriegsführung als gutes Design bezeichnet werden: »zweckmäßig, wissenschaftlich akkurat und zweifelsohne ästhetisch beeindruckend«. Auch die zuvor beschriebenen »Dark Pattern« in Software sind gut – zumindest für ihre Urheber. In ihrem Versuch einer Allgemeingültigkeit gerecht zu werden erscheinen die Thesen mit sich im Widerspruch stehend: Ihre Formulierung wirkt inkonziliant, zumindest ungenau.

Die Thesen seien »nicht in Stein gemeißelt«, sind nicht »unnachgiebig« und keinesfalls »bindend«. Doch Rams versäumt diese Einladung zur Weiterentwicklung in einer eigenenständigen und rekursiv-wirkenden These zu manifestieren – eine solche wäre zwar formaler Bruch, aber eben auch konsequent bis ins letzte Detail. Das Rams’ Prinzipien nicht fertig sind und dass sie einen finalen Zustand nie erreichen werden, weil auch dem Leben ein solcher Endzustand fremd ist, spiegelt eine essentielle Auffassung – degradiert zur Fußnote und Gefahr laufend, unbemerkt zu bleiben. Was beim Rezipienzen hängen bleibt sind die zehn Thesen in ihrer Alleinstellung, und in deren imperativen, gebotshaften Auftreten verbirgt sich eine ihrer größeten Schwächen.

Es muss gelernt werden, dass ästhetische Entscheidungen ohne subjektive Fixierungen, die sich der rationalen Erklärung entziehen, nicht möglich ist Fançois Burkhardt, Inez Franksen

Rams’ Entwürfe tragen die Signatur einer Rationalität, die ihm selbst nur fragmentenhaft entspricht. Fritz Eichler erkennt Zeichen im Verhalten von Rams, in denen dieser »eine als quälend empfundene Sensibilität zu dämpfen [versucht]« – »Aber es sieht so aus, als schaffte er das selten«. Emotionalität erwacht in Rams in der Dialektik über Farben: Von »Missbrauch von Farbe« ist da die Rede und dass ihr Einsatz »gefährlich werden kann«.

Abbildung der Biografie von Dieter Rams auf einem Tisch liegend
Braun Plattenspieler P1 und Taschenradio T4

Neben der Sensibilität scheint vor allem eine Eigenschaft von Bedeutung, die auch Rams’ eigenen Erfolg kennzeichnet: Haltung. Seine Thesen haben sich in seiner persönlichen Praxis deswegen beweisen können, da er sie auf dem Fundament seiner hohen moralischen Werte angewandt hat. Auch neue Softwaregestalter müssen Persönlichkeit entwickeln und ihre Haltung unter Beweis stellen: Sie spiegelt sich in all ihren Entwürfen, und ihre Entwürfe sind es, die Zukunft vorwegnehmen. Um diesen Zustand erreichen zu können bedarf es konsequenter Auseinandersetzung sowie sorgfältiger Denkarbeit.

Der Weg nach vorn

Ausgebildete Designer verfügen über Expertise, die es ihnen erlauben muss, sich im Zweifel über ihre Nutzer hinweg zu setzen – im Sinne dieser. Wer ausschließlich »human centered« designt wird in seiner Gestaltung nicht über die Durchschnittlichkeit des Menschseins hinaus gelangen: Wegweisende Gestaltung ohne Vorwegnahme durch den Designer existiert nicht – dies zeigt sich auch im Schaffen von Rams. Doch anstatt sich an Thesen abzuarbeiten ist es zielführender, sich im Stellen präziser Fragen zu üben. Bereichert meine App das Leben ihrer Gebraucher, oder weckt sie Begehrlichkeiten, indem sie ein neues Angebot darstellt? Lässt sie sich reparieren? Enthält sie modische Akzente, die auf ästhetische Kurzlebigkeit hinarbeiten? Hilft sie dem Menschen oder entmündigt sie ihn, macht sie freier oder abhängiger? Diese und weitere Fragen stammen – im übertragenen Sinne – aus einem Vortrag von Rams selbst, gehalten um 1980. Meine Nachfrage, warum er sich letztlich für seine Thesen und gegen die Fragen entschied, ließ er unbeantwortet.

Hinter der Fassage der Thesen verbergen sich Werte. Sie sind Repräsentanten notwendiger Eigenschaften, über die der Verantwortliche selbst verfügen muss. Design ist nur so gut wie seine Schöpfer – und deren Antworten müssen in den zahlreichen Subdisziplinen des Designs individuell ausfallen. Thesen, die sich direkt an »das Design« richten, übergehen die wichtigste Instanz der Gestaltung: Seine Erschaffer. Letzteren ist nicht mit Thesen, Geboten oder Regeln geholfen – sondern mit Werten, Wissen, Handwerk und Haltung. Überall dort, wo ein Designer es scheut, persönliche Standpunkte gegenüber seiner Lebenswirklichkeit herauszuarbeiten, büßt er an Glaubwürdigkeit und Handlungsspielraum ein, der damit verknüpften Verantwortung für einen Außenstehenden – den Gebrauchern seiner Produkte – gerecht werden zu können.

Warum ist der Titel Designer*in nicht geschützt?

Dem Menschen scheint ein Gestaltungswille inne zu wohnen – und als »Designer« kann sich jeder bezeichnen, der sich als solcher berufen fühlt. Das Strafgesetzbuch stellt indes die Verwendung einiger anderer Berufsbezeichnungen unter Schutz, darunter: Arzt, Apotheker oder Rechtsanwalt. Allesamt verantwortungsvolle Tätigkeiten mit bedeutsamen Einfluss, die den Nachweis einer entsprechenden Qualifikation einleuchtend erscheinen lassen. Die Handwerksordnung regelt daneben eine sogenannte »Meisterpflicht«. Maler, Friseure oder Klempner werden ohne Meisterbrief nicht in die Handwerksrolle aufgenommen, wodurch sie ihren Beruf in der Regel nicht als Selbstständige ausüben dürfen.

Der Schutz des Titels Designer (Dsg.) könnte visuelle Verschmutzung, gestalt­erische Fauxpas’ und Korruption gegenüber Nutzern reduzieren

Die Tätigkeit von Designerinnen und Designern bedarf eines vergleichbaren Schutzes. Sie stehen in ihrem Einwirken auf die Bevölkerung den Steuerberatern, Wirtschaftsprüfern oder Tierärzten in nichts nach. Niemand sollte eine Design-Dienstleistung anbieten dürfen, ohne den Nachweis einer entsprechenden Qualifikation erbracht zu haben. Dies schützt Auftraggeber ebenso wie spätere Gebraucher des vakanten Designs.

Wer davon lebt, Experten­wissen für Laien zur Ver­fügung zu stellen, muss die moralische Verantwortung dafür tragen, dies nicht zu ihrem Schaden zu tun Lisa Herzog · ZEIT

In freien Marktwirtschaften können Produktverantwortliche mit niederen Motiven nur in der Abwesenheit von Aufklärung und Bewusstsein Erfolg verzeichnen. Es braucht daher gesellschaftlichen Konsens darüber, welche Werte die von uns genutzten digitalen Produkte wahren sollen. Technologischen Produkten mangelt es an Einfachheit, ihnen haftet etwas Unbegreifliches an. Dem Verwender offenbart sich lediglich die Oberfläche – und so sind seine Versuche, verborgene Mechanismen zu durchdringen, zu einem Verständnis der Oberflächlichkeit verdammt.

Schöpfer der Digitalität ohne die Fähigkeit, eigenen Code zu schreiben, betrifft dies gleichermaßen. Ein in sich vereinen von Gestaltung und Programmierung entspricht dabei der Auffassung von Rams, ein Industriedesigner müsse sich eher als »Gestalt-Ingenieur« begreifen. Ebenso, wie der Industriedesigner über Sach- und Materialkenntnis verfügt, so sollte auch ein Software-Gestalter seinen Werkstoff ganz genau kennen: Und das sind nicht etwa die Bildpunkte, die er akribisch in seinen Entwürfen arrangiert, sondern es ist der Code, der diese im fertigen Produkt zum Leben erweckt und der das User Interface tatsächlich zeichnet. Zustände davor sind nur Annäherung und Simulation.

Interfaces beschreiben mit SwiftUI
Kein Gestalter von digitalen Oberflächen wird sich künftig um das Lesen und Schreiben von Code, seinem Werkstoff, winden können

Gut denkbar erscheint eine Zukunft, in der es kaum noch dezidierte Gestaltungswerkzeuge für Interfaces geben wird. Mit der Einführung des deklarativen UI-Frameworks Swift UI hat Apple eindrucksvoll demonstriert, mit welcher Einfachheit produktiv einsetzbare Interfaces syntaktisch beschrieben werden können. Wenn native Entwicklung schneller erfolgt als das Zeichnen eines Entwurfes in einem Grafikprogramm, verliert letzteres einen wesentlichen Teil seiner Daseinsberechtigung. Für eine neue Generation von Software-Gestaltern könnte die Maxime lauten: Designer, die ihre Interfaces mit ernsthaftem Anspruch gestalten, müssen diese auch programmieren. Sie werden dafür Sorge tragen müssen, dass ein Passwortfeld statt der tatsächlich eingegebenen Glyphen nur Platzhalter darstellt und dass dessen Inhalt nicht kopiert und an anderer Stelle eingefügt werden kann. Ihr Werk muss aufrichtiges Vertrauen stiften – auch und vor allem in der Ohnmacht ihrer Nutzer gegenüber den für sie unerreichbaren Aspekten einer Software.

Technologie- oder Gestalt­monopole führen Verwender in eine Ab­hängigkeit und be­schränken Fortschritt

Entgegen physischer Produkte entsteht Langlebigkeit bei Software durch konsequente Weiterentwicklung und Anpassung. Damit diese im Bedarfsfall auch durch Dritte repariert werden kann, muss ihr Werkstoff offen und frei zugänglich sein (»Open Source«) – genau so, wie man beispielsweise auch ein Phonogerät aus der Feder von Dieter Rams öffnen und warten kann.

Für Nutzer existiert ein zentraler Knotenpunkt auf einem jeden Gerät, um dessen Charakteristika gemäß individueller Wünsche zu justieren: Die Einstellungen. Die eigenen Bedürfnisse an Darstellungsgrößen, Kontraste oder Lautstärken werden dort – neben vielen anderen individuellen Präferenzen – zentral verwaltet. Software-Gestalter sollten diese respektieren und berücksichtigen, ehe sie Gebraucher mit eigenständigen Lösungen konfrontieren. Die vom Nutzer bereits verinnerlichten Fähigkeiten aufzugreifen verleihen diesem mehr Souveränität – insbesondere, wenn eine Software für ihn neu ist oder er sie nur selten verwendet.

Bedienungsanleitungen habe ich noch nie getraut – es ist allgemein bekannt, dass die meisten Leute sie nicht lesen Dieter Rams

Wer als Software Auteur die Notwendigkeit verspürt, beim erstmaligen Start seiner App eine Bedienungsanleitung für dessen Verwendung einzublenden, agierte in den vorangegangen Phasen seiner Arbeit womöglich nicht mit ausreichender Akribie. Selbsterklärungsqualität ist ohne jeden Zweifel ein hoher Anspruch – aber unbedingt erstrebenswert. Es gilt, jede Barriere, die einer effektiven Nutzung im Wege stehen könnte, einzureißen. Erklärungsbedürftiges sollte an Ort und Stelle auflösbar sein. Software muss auch im wortwörtlichen Sinne verständlich sein: Eine sprachliche Lokalisierung begrenzt sich nicht auf das alleinige Austauschen von Texten, sondern erfordert zusätzlich das Beschreiben dynamisch anpassbarer Layouts aufgrund unterschiedlicher Begriffslängen und wechselnder Leserichtungen.

Auszug aus dem Quellcode der Apple Chess Engine
Nicht immer darf Software ehrlich sein
Users tend to get frustrated once they realize how little time their Mac really spends to crush them at low levels Aus dem Source Code der Apple Chess Engine

Ehrlichkeit im Kontext persönlicher Datenverarbeitung und dem Herausstellen von Funktionalität ist unverzichtbar. Davon abgesehen kann unehrliches Design aber auch eine Bereicherung darstellen. Aus dem Quelltext der Apple Chess Engine geht hervor, dass das Spiel seinen Schachzug leicht Verzögerung visualisiert: Im Wunsch der Förderung einer harmonischen Mensch-Maschinen-Beziehung. Auch fernab von Spielen können sich Manipulationen in der Interaktion mit Interfaces gut anfühlen. Ein sich zu Beginn schneller füllender Ladebalken suggeriert Fortschritt, wo technisch eventuell noch kein messbarer ermittelt werden kann. Auch die Taptic Enginge des iPhones ist unehrlich, denn sie simuliert einen mechanischen Tastendruck an einem statischen Gerät – die Legitimation erlangt, da sie durch die Steigerung der haptischen Qualität die Bedienbarkeit des Apparates erhöht.

Der bewusste Einsatz von visuellem Chichi steigert die Umweltfreundlichkeit
Apps optimieren mit dem Xcode Energy Inspector

Der Ressourceneinsatz von Lithium in den wiederaufladbaren Batterien unserer mobilen Computer und Smartphones geht mit hohen ökologischen Konsequenzen einher. Software-Gestalter können den Energieverbrauch einer Anwendung auch ohne Programmierkentnisse reduzieren und damit zugleich die Lebensdauer eines Akkus verlängern. Es gilt, alles was grafisch erst aufwendig vom Prozessor berechnet werden muss, mit Bedacht einzusetzen. Hierzu zählen die in User Interfaces häufig genutzten Transparenzen und Blurs (Unschärfen). Software Auteure dürfen sich von der Frage leiten lassen: Ist die Verwendung dieses Effektes wirklich wertstiftend für das Nutzererlebnis, oder handelt es sich um Dekoration? Im Vorteil sind jene, die coden können: Zum Beispiel durch den Verzicht aufwendiger Pfadberechnungen zur Darstellung einfacher Formen, dem Austausch von Animationen durch vorgerenderte Bildsequenzen oder der spezifischen Eingrenzung neu zu berechnender Interface-Bereiche direkt im Code. Dieser Einfluss ist messbar: Moderne Entwicklungsumgebungen wie Xcode ermöglichen das sekundengenaue Auswerten des Stromverbrauchs einer App.

Was ist gutes Design?

Dieter Rams hat diese Frage mit seinen zehn Thesen beantwortet. Ich lehne die Frage ab – zu leichtfertig ist sie formuliert, zu dogmatisch ist ihre Implikation – und halte am selbigen fest: Gekonntes Fragen, jedoch im Spezifischen, eröffnet Räume zur Reflexion, auf deren Grundlage konkrete Lösungen erarbeitet werden können. Die unvermeidliche Unschärfe der Rams’schen Thesen entfremdet seine im Kern gute Philosophie von der Praxis des Designs – ihre Beliebigkeit lädt zur Zustimmung ein, wo ihr Gehalt im Mangel an Reibung erlischt. Wertstiftende Produkte erwachsen aus der Summe richtig gestellter Fragen, für welche Rams’ Thesen Überschriften liefern können: Orientierung bietend, aber konkreten Anhaltspunkten schuldig bleibend.

Ich glaube an Autorendesign als Gegenmittel zur gleichgültigen und anonymen Gestaltung. Design braucht souveräne Persönlichkeiten, die den Mut besitzen, sich über einen gelebten Konsens hinwegzusetzen. Handwerkliche Ausbildung muss belegbar und ausdifferenzierte Haltung in den Produkten erkennbar sein – hierin beweist Rams Vorbildfunktion. Die Schnittmengen in den Subdisziplinen des Designs werden zunehmend durch Expertise ersetzt. All dies erachte ich für schützenswert. Die neuen Gestalter der Digitalität nenne ich Software Auteure. Sie erfüllen das vormals genannte. Ergänzend verstehen sie sich im Sinne Rams’ als »Gestalt-Ingenieure«. Sie gestalten und programmieren, oder zusammengefasst: beschreiben. Sie agieren offen, sensibel, beharrend. Sie finden die richtigen Antworten im Detail auch ohne die Anmaßung universeller Gültigkeit.